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Grün­der­por­trait #84: PIKOBYTES – Digital Twins für unsere Erde

Jacob Mendt und Mat­thias Müller haben 2018 PIKOBYTES gegründet. Das junge Unter­nehmen recher­chiert und erfasst Umwelt­daten, sammelt und ana­ly­siert sie in leis­tungs­fä­higen Daten­banken und erstellt inter­aktive Karten. Die beiden Gründer haben es sich auf die Fahne geschrieben, einen digi­talen Zwilling der Erde zu ent­wi­ckeln. Wie die Idee ent­standen ist und wo das junge Unter­nehmen heute steht, darüber berichten die Gründer im Interview.

 

Teamfoto Corona-Edition: Auch das PIKOBYTES-Team trifft sich virtuell
Teamfoto Corona-Edition: Auch das PIKO­BYTES-Team trifft sich derzeit nur vir­tuell. (Foto: Pikobytes)

Worum geht es bei Eurer Geschäftsidee?

Wir sehen uns als Full­service Anbieter für Umwelt­daten. PIKOBYTES hat einen ganz­heit­lichen Prozess für die Daten­auf­nahme, das Envi­ron­mental Data Management und die Ana­lytik der gesam­melten Daten ent­wi­ckelt. Warum tun wir das? Uns ist ein bes­seres Ver­ständnis der Umwelt wichtig und dafür müssen wir die vor­han­denen Daten viel kon­se­quenter und besser nutzen als bisher. Diese findet man bei Behörden und Insti­tu­tionen, die zum Sammeln von Daten per Gesetz oder Richt­linie ver­pflichtet sind. Oder bei Crowd­sourcing-Initia­tiven, die aus ganz unter­schied­lichen Inter­es­sen­lagen Umwelt­daten sammeln. Aber auch Unter­nehmen häufen im Rahmen ihrer täg­lichen Arbeit ganze Daten­berge an. Wer diese Daten für eigene Zwecke nutzen will, weiß häufig gar nicht, dass es sie gibt, kann sie nicht finden und am Ende nur mit erheb­lichem tech­ni­schen Hin­ter­grund­wissen zusam­men­führen und auswerten.

 

Wie darf ich mir das konkret vor­stellen? Wie sieht Euer klas­si­scher Kunde aus?

DEN klas­si­schen Kunden haben wir gar nicht. Wir sind zum Teil selbst über­rascht, aus welchen Bereichen und Branchen Kunden auf uns zukommen. Wir können es aber einmal am Prozess fest­machen. Der Kunde möchte zum Bei­spiel wissen, wo und wie stark es in einer bestimmten Region regnet oder welche Standorte von Som­mer­hitze besonders stark betroffen sind ist. Dann machen wir uns an die Bestands­auf­nahme und finden heraus, welche Daten bereits da sind. Zuerst unter­suchen wir, welche Mess­stellen und Daten es von öffent­licher Seite gibt. Sieht es dort schlecht oder zumindest dünn aus, prüfen wir, inwieweit es bereits Sen­soren gibt, die uns da wei­ter­helfen können und unter­stützen die Aus­legung des Mess­netzes. Haben wir eine belastbare Daten­menge gesammelt, bereiten wir diese für den Kunden nach­voll­ziehbar auf und ana­ly­sieren sie nach seinen Kri­terien für ihn.

 

Wie ent­stand die Idee und wann habt ihr ent­schieden, sie auch umzusetzen?

Wenn man es so will, wird die Idee dazu dieses Jahr bereits 10 Jahre alt. Damals waren wir beide an der Pro­fessur für Geo­in­for­matik ange­stellt und beschäf­tigten uns mit dem Thema: Bereit­stellung von öffent­lichen Umwelt­daten. Das fanden wir schon 2010 sehr spannend. 2013 trafen wir uns dann auf der FOSS4G in Not­tingham. Das ist eine Kon­ferenz, die seit 2006 von der Open Source Geos­patial Foun­dation (OSGeo), einer gemein­nüt­zigen Orga­ni­sation aus den Ver­ei­nigten Staaten, aus­ge­richtet wird und sich für die Ent­wicklung und Nutzung von freien und quell­of­fenen Geo­in­for­ma­ti­ons­sys­temen (GIS) stark macht. Also genau unsere Bau­stelle. Fazit ins­be­sondere der Vor­träge auf der Kon­ferenz: es gibt unendlich viele Mess­punkte, die wahn­sinnig viele Daten sammeln und bereit­stellen. Und keiner (!!!) bringt diese Daten mal ver­nünftig zusammen.

Wir gingen mit dieser Erkenntnis noch einige Zeit schwanger, bis wir uns ent­schieden, mit einem EXIST-Grün­dersti­pendium im Rücken aus dieser Begeis­terung heraus ins Tun zu kommen. Dieses haben wir dann 2017 auch bekommen und wid­meten uns von April 2017 bis März 2018 unserer Idee.

 

Gemeinsam mit der Professur für Geoinformatik der TU Dresden und Elco Industry Automation hat PIKOBYTES im Projekt Smart Rain ein Niederschlagsmessnetz in Dresden aufgebaut. (Foto: Norbert Schmidt)
Im Projekt Smart Rain hat PIKOBYTES gemeinsam mit der Pro­fessur für Geo­in­for­matik der TU Dresden und Elco Industry Auto­mation ein Nie­der­schlags­messnetz in Dresden auf­gebaut. 2019 prä­sen­tierten sie das Projekt auf dem Smart City Expo World Con­gress. (Foto: Norbert Schmidt)

Was waren die drei größten Her­aus­for­de­rungen auf dem Weg in die Selbst­stän­digkeit und wie habt ihr sie bewältigt?

Das waren sicher mehr als drei, aber wir kon­zen­trieren uns gern mal auf die größten drei. Wir sahen uns kurz nach der Gründung der Situation gegenüber, dass einer unserer Mit­gründer PIKOBYTES ver­lassen wollte. Wie wir jetzt wissen, ist das Team­thema eines der häu­figsten über­haupt und immer wieder gibt es Zer­rüt­tungen und Zer­würf­nisse, die böse enden. Rück­bli­ckend hat das bei uns aber echt gut funk­tio­niert und wir sind dankbar, dass wir eine für alle Seiten faire Regelung gefunden haben. Wir haben die Auf­gaben unter uns beiden gut auf­ge­teilt und konnten so den Weggang recht gut kom­pen­sieren. Menschlich war das sicher eine der größten Herausforderungen.

Was sich für uns bis heute immer wieder als Grat­wan­derung gestaltet ist der Punkt zu ent­scheiden: Haben wir eine so stabile und aus­ge­lastete Auf­tragslage und den ent­spre­chenden Umsatz, dass wir neues Per­sonal brauchen? Oder schaffen wir es noch mit den vor­han­denen Res­sourcen? Wie viel können wir unseren Mit­ar­beitern zumuten? Bisher ist uns dieser Spagat recht gut gelungen, da wir nicht so explo­si­ons­artig wachsen.

Was uns beiden außerdem zu schaffen machte, war es, den Zeit­punkt her­aus­zu­finden, als wir aus dem reinen ope­ra­tiven Tun heraus ins stra­te­gische Management hin­ein­wuchsen. Zu erkennen, wann es not­wendig ist, Zwi­schen­decken ein­zu­ziehen, Pro­jekte nicht mehr von Anfang bis Ende selbst zu bear­beiten, sondern auch einmal Arbeit abzu­geben und zu dele­gieren. Das war her­aus­for­dernd. Denn eigentlich macht uns das ope­rative Geschäft so viel Spaß!

 

Projekt SmartRain als auch mit der offenen Datenplattform OpenSensorWeb
Auf der offenen Daten­plattform Open­Sen­sorWeb stellt PIKOBYTES die Daten aus dem Smart Rain Projekt frei zur Ver­fügung. (Abb. PIKOBYTES)

Was macht euch besonders stolz bzw. was waren bisher eure größten Erfolge?

Wir haben 2018 gegründet. Mitt­ler­weile sind wir in unserem Team zu siebent. Wir haben aktuell 13 Kunden mit einem Spektrum so breit wie die Geo­in­for­matik an sich und wir gehen auch in völlig andere Bereiche rein, weil das Thema Geo­in­for­ma­tionen mitt­ler­weile zum Main­stream geworden ist. Das macht uns stolz. Unsere Kunden kommen mit Fol­ge­auf­trägen wieder, sodass wir gemeinsam mit ihnen unsere Pro­jekte qua­li­tativ sowie quan­ti­tativ weiterentwickeln.

Das, womit wir zum Beginn unserer Selbst­stän­digkeit ange­treten sind, macht uns – nach einigen Schleifen im Geschäfts­modell – noch immer rie­sigen Spaß. Wir haben das große Glück, dass genau dieser Spaß das Erwar­tungsbild des Kunden absolut erfüllt. Ein opti­males Ver­hältnis und gleich­zeitig größter Ansporn, genau so weiter zu machen. Wir haben uns quasi den Arbeit­geber selbst geschaffen, den wir nach dem Studium ver­geblich in Dresden gesucht haben. Weg­gehen war für uns damals keine Option, also haben wir es einfach selbst gemacht.

 

Welche Unter­stützung hat euch in der Grün­dungs­phase geholfen?

Ganz klar EXIST. Wir erinnern uns gern an die ange­nehme Zusam­men­arbeit mit dresden|exists in der Antrags­phase und besonders an die grund­po­sitive Ein­stellung zu unserem Projekt mit Sensor Hub, aus dem nun PIKOBYTES her­vor­ge­gangen ist. Ihr habt immer einen kon­struk­tiven Blick auf unser Geschäfts­modell geworfen, es dabei auch regel­mäßig zer­pflückt. Aber auch beim Zusam­men­bauen habt ihr uns unter­stützt und so manchen hilf­reichen Tipp gegeben.

Beim Thema Ver­trieb und Kun­den­an­sprache war uns die Ver­triebs­schule von Anthony Steffan eine große Unter­stützung. Hier haben wir gelernt, wie es gelingen kann, ohne große Scheu unsere Kunden her­aus­zu­finden und dann ganz konkret den Kontakt auf­zu­nehmen. Außerdem war uns die IHK Dresden, hier ins­be­sondere Marcus Dämmig vom Grün­der­service der Kammer, sehr behilflich.

 

Welche Fak­toren sind aus eurer Sicht für den Erfolg einer Exis­tenz­gründung wichtig?

Da fallen uns einige ein. Als erstes ganz direkt: Du bist der Kapitän! Es ist deine Reise, auf die du dich begibst. Behalte das Steuer fest im Griff und vergiss im Tages­ge­schäft nie, wo du hin willst.

Ver­lasse dich nicht auf För­der­pro­gramme! Ja, sie erleichtern den Start. Aber kümmere dich selbst darum, dass du finan­ziert bist!

Lerne deine Region und lokale Unter­nehmen kennen! Hier findest du wichtige Partner für den Aus­tausch und Verbundprojekte!

Kon­zen­triere dich von Anfang an auf deine (poten­zi­ellen) Kunden! Beachte dabei den Trichter! Wenn Du 40 Kunden ange­sprochen hast, gelingt es mit viel Glück, mit 10 davon Gespräche zu führen, wovon sich dann einer für ein gemein­sames Projekt ent­scheidet. Vielleicht!

 

Wo seht ihr euer Unter­nehmen in fünf Jahren?

Lass uns über unser Unter­nehmen in 10 Jahren sprechen. Lang­fristig wollen wir PIKOBYTES zu einer Ana­lytics- und Daten-Cloud für Umwelt­in­for­ma­tionen wei­ter­ent­wi­ckeln. Sozu­sagen das Google für Umwelt­daten. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg und wir kennen nicht wenige Unter­nehmen, die auf einem ähn­lichen Weg gescheitert sind.

In fünf Jahren soll PIKOBYTES auf jeden Fall ein eta­blierter Name im Bereich Envi­ron­mental Internet of Things sein und gute Explo­ra­ti­ons­systeme für Umwelt­in­for­ma­tionen liefern. Wir wollen unsere Mit­ar­bei­terzahl und unseren Umsatz weiter erhöhen, das richtige Team für unsere 10-Jahres-Vision auf­bauen und dafür immer wieder an der Grenze des tech­nisch Mög­lichen arbeiten. Und all das mit jeder Menge Spaß am Tun fortsetzen.

 

Apropos Spaß, das hat Spaß gemacht! Vielen Dank für das ange­nehme Interview und den inter­es­santen Blick hinter die Kulissen eures jungen Unternehmen!

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