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Grün­der­por­trait #78: Wave Casual – Sound­design. Explo­rativ und intuitiv.

Sound-Design, dass für jeden zugänglich ist und einfach Spaß macht? Bei Wave Casual  treffen Lei­den­schaft für elek­tro­nische Musik und Soft­ware­ent­wicklung auf­ein­ander. Bereits während ihres Infor­ma­tik­stu­diums an der TU Dresden haben Thomas Meerpohl und Joshua Peschke an ihrer Idee gebastelt: ein intui­tives Bedien­konzept für die digitale Musik­pro­duktion, das auf Basis geo­me­tri­scher Formen Klänge erzeugt. Gemeinsam mit Clemens Schmiegel, eben­falls TU-Absolvent und Inge­nieur für Elek­tro­technik, ent­wi­ckelten die drei Freunde den Software-Syn­the­sizer Nylon. 2018 grün­deten sie Wave Casual. Im Grün­der­por­trait geben sie uns einen Ein­blick in ihre Erfahrungen.

Sounddesign auf Basis von geometrischen Formen - der Software-Synthesizer Nylon (Foto: Wave Casual)
Sound­design auf Basis von geo­me­tri­schen Formen – der Software-Syn­the­sizer Nylon (Foto: Wave Casual)

Worum geht es bei eurer Geschäftsidee?

Wir gestalten und ent­wi­ckeln neu­artige elek­tro­nische Instru­mente und Effekte für Musik­pro­du­zenten und Sound­de­signer. Ähnlich wie in der phy­si­schen Welt, haben auch elek­tro­nische und digitale Instru­mente alle ihre spe­zi­fi­schen Eigen­heiten, die den Klang­cha­rakter und den Umgang damit bestimmen. Obwohl man z.B. mit einer Gitarre die gleichen Töne und Melodien spielen kann, wie mit einem Klavier, ist das klang­liche Ergebnis und auch das Erlebnis beim Spielen sehr unter­schiedlich. Genauso verhält es sich mit Instru­menten, die ihren Klang mit Hilfe von Algo­rithmen und Elek­tronik erzeugen. Ein Unter­schied ist jedoch, dass hier noch viel stärker auf die Klang­farbe Ein­fluss genommen werden kann. Theo­re­tisch kann mit elek­tro­ni­schen Mitteln jeder beliebige hörbare Klang erzeugt werden. Die Schwie­rigkeit ist, wie man dem Instrument ver­mittelt, welchen Klang es erzeugen soll. Wir haben Algo­rithmen ent­wi­ckelt, die gra­fische Formen in Klänge umwandeln und es dem Musiker oder Sound­de­signer so erleichtern, seine Ideen hörbar zu machen.

Unser erstes Produkt ist der darauf auf­bauende Software-Syn­the­sizer Nylon, der seit kurzem auf unserer Web­seite erhältlich ist. Das Feedback bisher war sehr positiv und es war ein ziemlich befrie­di­gendes Erlebnis für uns, die ersten Musik­stücke zu hören, die damit gemacht wurden.

Außerdem arbeiten wir an einem intel­li­genten Laut­stärke-Kon­troll-Gerät für Clubs. Die Laut­stärke auf der Tanz­fläche lässt sich aus der Position der Musiker oder DJs oft schwer ein­schätzen. Unser Gerät dient einer­seits als Mess­gerät und Anzeige des Schall­drucks auf der Tanz­fläche und benach­richtigt außerdem auto­ma­tisch den zustän­digen Tech­niker via App, falls die ein­ge­stellte Maxi­mal­laut­stärke über­schritten wird. Das Projekt ent­stand, weil wir selbst als Mit­be­treiber des Clubs “objekt klein a” diesen Bedarf hatten, und kein pas­sendes Produkt gefunden haben. Wir haben also zunächst ein Ein­zel­stück ange­fertigt und dann gemerkt, dass andere Clubs ähn­liche Pro­bleme haben und an unserer Lösung inter­es­siert sind.

Gründerteam
Die Gründer von Wave Casual (v.l.): Thomas Meerpohl, Joshua Peschke und Clemens Schmiegel (Foto: privat)

Wie ent­stand die Idee und wann habt ihr ent­schieden, sie auch umzusetzen?

Die zün­dende Idee kam schon vor mehr als 5 Jahren beim Musi­zieren und Expe­ri­men­tieren mit ver­schie­denen Klängen und Formen aus der leichten Frus­tration mit den User­in­ter­faces gän­giger Software-Syn­the­sizer heraus. Diese Grundidee hat Joshua dann in seiner Bele­g­arbeit weiter aus­gebaut und einen ersten Pro­totyp umge­setzt. Das Konzept stieß durchweg auf positive Resonanz. Thomas beschäf­tigte sich zur selben Zeit mit phy­si­schen Inter­faces fürs Musik machen. Bei der Output, einer Ver­an­staltung auf der Stu­denten der Fakultät Infor­matik ihre Arbeiten prä­sen­tieren, hatten wir gemeinsam einen Stand und kamen darüber mit dresden|exists in Kontakt. Von diesem Zeit­punkt an gefiel uns die Idee, gemeinsam in dieser Richtung an einem Produkt zu arbeiten. Wir beide rich­teten dann unsere Diplom­ar­beiten in diese Richtung aus, holten Clemens mit ins Boot und fassten den Ent­schluss, nach dem Studium ein Unter­nehmen zu gründen und unser Projekt umzusetzen.

Was waren die größten Her­aus­for­de­rungen auf dem Weg in die Selbst­stän­digkeit und wie habt ihr sie bewältigt?

Die größte Her­aus­for­derung waren die vielen Fra­ge­zeichen, die sich zu Anfang überall auftun. Bei den meisten Sachen, die wir gemacht haben, war zunächst fast alles unklar. Was sollten wir als erstes machen? Machen wir das richtig? Kann das über­haupt klappen? Lohnt sich der Aufwand? Das kann bei Zeiten schon dafür sorgen, dass man sich über­fordert und gelähmt fühlt. Für uns war der Trick: einfach eine Sache nach der anderen machen.

Natürlich ist es wichtig, auch das große Ganze im Blick zu haben. Aber wenn es darum geht anzu­fangen, ist es wichtig, sich von dem Mangel an Infor­ma­tionen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Einfach einen Plan machen, anfangen und dann regel­mäßig Kurs­kor­rek­turen durch­führen. Eine gute Faust­regel beim Planen: alles dauert immer min­destens doppelt so lange als gedacht!

Was macht euch besonders stolz bzw. was waren bisher eure größten Erfolge?

Wir sind mitt­ler­weile an einem Punkt, an dem unser Instrument Klänge macht, mit denen wir selbst teil­weise nicht gerechnet hätte, die wir aber liebend gerne in unseren nächsten Musik­stücken benutzen wollen. Das ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn eine Idee auf einmal so ein Eigen­leben entwickelt.

synthesizer
Benutzer-Ober­fläche des Software-Syn­the­sizers Nylon (Foto: Wave Casual)

Welche Unter­stützung hat euch in der Grün­dungs­phase besonders geholfen?

Die per­sön­liche Betreuung durch dresden|exists hat uns besonders geholfen. Die regel­mä­ßigen Treffen bei denen der aktuelle Stand mit einem Außen­ste­henden besprochen wird, sind vor allem in der Anfangs­phase extrem hilf­reich! Das gibt einer­seits eine gewisse Sicherheit nicht völlig daneben zu liegen und regt außerdem dazu an, alle Ent­schei­dungen nochmal aus ver­schie­denen Per­spek­tiven zu über­denken. Die Work­shops von Del­taHochDrei haben uns auch sehr gut gefallen, vor allem der zum Thema Kom­mu­ni­kation. Auf finan­zi­eller Seite haben uns die För­derung über das EXIST-Grün­dersti­pendium und anschließend das Tech­no­lo­gie­grün­dersti­pendium natürlich sehr geholfen. Ohne Start­hilfe wäre die Gründung in dieser Form kaum möglich gewesen.

Welche Erfah­rungen möchtet ihr anderen Gründern mit auf den Weg geben?

Die Gründung ist vor­rangig ein Lern­prozess. Am Anfang steht haupt­sächlich Spe­ku­lation und ein Bauch­gefühl und es gilt, zu recher­chieren, Erfah­rungen zu sammeln und sys­te­ma­tisch Sachen aus­zu­pro­bieren. Fast alles stellt sich dabei als kom­plexer als erwartet heraus.

Es ist deshalb umso wich­tiger, klein anzu­fangen. Was ist der mini­malste Aufwand, mit dem ihr eure Hypo­thesen über­prüfen könnt? Was ist das mini­malste Produkt, für das euch jemand bezahlen würde? Die Ver­su­chung ist groß, viel zu viel Umzu­setzen. Mit der Zeit kommen immer neue Ideen dazu, man möchte nichts Unvoll­stän­diges abliefern und fügt hier und da ein Feature hinzu. “Das sollte ja nicht so viel Aufwand sein… nur noch diese kleine Sache.” – doch, das ist viel Aufwand! Wider­steht der Ver­su­chung und setzt das mini­malste minimum viable product um, das geht! Wir haben über die Zeit so einiges an Fea­tures hin­zu­gefügt und ärgern uns jetzt, weil die Umsetzung, Wartung und Doku­men­tation viel länger gedauert hat, als uns lieb ist.

Wo seht Ihr euer Unter­nehmen in 5 Jahren?

Unsere Ziele sind relativ bescheiden. Ein paar mehr Mit­ar­beiter wären schön und es wäre traumhaft, wenn unsere Instru­mente und Tools von den Musikern ver­wendet würden die wir selbst gerne hören!

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