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Gründen in der Medizin – Wie geht das?

Gründen ist immer eine große Aufgabe, erst recht, wenn man eine Geschäftsidee aus den Lebens­wis­sen­schaften oder der Medizin – einem Gebiet mit hohen regu­la­to­ri­schen Hürden – ver­wirk­lichen möchte. Wie es geht, lernt man am besten von Vor­bildern. Im Rahmen des Life Tech Lab 01/2019 ver­an­stal­teten wir deshalb am 29. Januar 2019 unseren Founders’ Corner. Men­schen, die den Weg einer Aus­gründung aus der Wis­sen­schaft erfolg­reich gemeistert haben, sprechen hier über ihre per­sön­lichen Erfah­rungen, Moti­va­tionen und Her­aus­for­de­rungen. Getroffen haben wir uns dafür im Coworking Space Impact Hub.

Vorbild: Martina Schmitz von der Krebs­dia­gnos­tik­firma oncgnostics

Ein­ge­laden war die inspi­rie­rende Bio­che­mi­kerin Dr. Martina Schmitz, Grün­derin der Firma onc­gnostics GmbH. Ein beson­derer Glücksfall, denn Frauen als Vor­bilder sind in der Life-Science-Grün­der­szene rar.  Darum hier ein kleines Resümee für alle, die nicht dabei sein konnten.

Als Dok­to­randin in der Gynä­ko­lo­gi­schen Mole­ku­lar­bio­logie der Uni­ver­sitäts-Frau­en­klinik Jena hätte Martina Schmitz vor einigen Jahren selbst noch perfekt in das Publikum der Ver­an­staltung gepasst. Sie gründete zusammen mit drei Kol­legen im Jahr 2012 das Unter­nehmen onc­gnostics, das mit seinem Produkt GynTect®, die Dia­gnose von Gebär­mut­ter­hals­krebs revolutioniert.

Founders' Corner mit oncgnostics-Gründerin Dr. Martina Schmitz
Founders’ Corner mit onc­gnostics-Grün­derin Dr. Martina Schmitz (Foto: dresden|exists)

Momentan wird als Teil der Krebs­vor­sorge ein soge­nannter Pap-Test durch­ge­führt. Dafür werden ein paar Zellen mit einem Wat­te­stäbchen vom Gebär­mut­terhals ent­nommen. Unter dem Mikroskop wird dann die Gestalt der Zellen ange­schaut, denn Krebs­zellen sehen oft anders aus als gesunde Zellen. Dieses Ver­fahren ist jedoch ziemlich ungenau. Das ist so ähnlich, als ob man in einer Kiste mit Äpfeln die wur­migen anhand der kleinen Ein­bohr­löcher sucht. Laut Dr. Schmitz ver­fehlt der Pap-Test daher bei ein­ma­liger Anwendung in fast der Hälfte der Fälle die kor­rekte Dia­gnose. Es werden ent­weder Krebs­zellen nicht erkannt oder fälsch­li­cher­weise gesunde Zellen als krebs­artig eingestuft.

Mit dem neuen Test GynTect® werden die Krebs­zellen anhand spe­zi­fi­scher epi­ge­ne­ti­scher Verän­derungen, soge­nannter Bio­marker, erkannt. Der Wurm wird sozu­sagen direkt nach­ge­wiesen, indem der Apfel auf­ge­schnitten wird. Der neue Test ist daher genauer und ver­läss­licher. Zudem erkennt er den Krebs früh­zei­tiger als das bis­herige Verfahren.

Starker Gegenwind in Deutschland – Setzen der Segel für einen „Beachhead“

Doch so traumhaft sich die Fort­schritte von onc­gnostics auch anhören – mit offenen Armen wurde das neue Dia­gno­se­ver­fahren in Deutschland nicht emp­fangen. Der her­kömm­liche Test ist so stark eta­bliert, dass das neue Produkt GynTect® für Pati­en­tinnen in Deutschland derzeit nur auf Anfrage erhältlich ist. Für Pati­en­tinnen in China wird der Test dagegen sehr bald als Teil ihrer gynä­ko­lo­gi­schen Ver­sorgung ver­fügbar sein. Im April 2017 unter­zeich­neten die Geschäfts­führung von onc­gnostics und GeneoDx, Toch­ter­un­ter­nehmen des großen chi­ne­si­schen Pharma-Kon­zerns SINOPHARM, einen Lizenz­vertrag. Die Zulassung in China steht nun unmit­telbar bevor, ein großer Erfolg für die oncgnostics.

Dieser Vertrag war ein wich­tiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg für onc­gnostics. Im Startup-Jargon als „Beachhead Strategy“ bekannt, geht es darum, sich zunächst auf den best­zu­gäng­lichen Markt zu fokus­sieren. Ist man in diesem Markt gelandet („beachhead“ = Strand­lan­de­stelle, Brü­ckenkopf), werden weitere Märkte in Angriff genommen. So sind das für onc­gnostics als nächstes die USA.

Finan­zierung: Aller Anfang ist leicht – doch das „Tal des Todes“ lauert

Nach der Gründung startete onc­gnostics die Ent­wicklung des Pro­duktes zur Markt­reife mit einer Seed-Finan­zierung aus meh­reren Quellen, dar­unter mit der För­derung EXIST For­schungs­transfer des Bun­des­mi­nis­te­riums für Wirt­schaft und Energie. Das klingt erst einmal sehr gut, aber letztlich benötigt man für die Ent­wicklung medi­zi­ni­scher Pro­dukte viel Geld, sehr viel Geld.

Kurz vor der Markt­reife (in 2015) geriet das Unter­nehmen in 2014 daher beinahe in das in der Startup-Szene gefürchtete „Valley of Death“ („Tal des Todes“): Das Ende auf­grund auf­ge­brauchter finan­zi­eller Res­sourcen und dem Fehlen von aus­glei­chenden Ein­kom­mens­strömen durch Kunden.

Dabei ergab sich die wichtige Lehre, dass eine Seed-Finan­zierung relativ leicht gelingt, sich aber die Anschluss­fi­nan­zierung bedeutend schwie­riger gestaltet. Startups sollten sich dessen von Anfang an bewusst sein und früh­zeitig um die Anschluss­fi­nan­zierung bemühen. Da gilt es tat­kräftige Über­zeu­gungs­arbeit zu leisten. Und Ver­trauen aufzubauen.

Im Fall von onc­gnostics war der Ret­tungs­anker eine private Anle­gerin. Ihre Bereit­schaft, ihr eigenes Geld in das Unter­nehmen zu inves­tieren, war das Signal für andere Geld­geber, dass die Geschäftsidee poten­zi­al­trächtig und ver­trau­ens­würdig ist, und sie inves­tierten ebenfalls.

Crowd­funding auch für Medizinprodukte

Weitere finan­zielle Lücken konnte das Unter­nehmen sehr erfolg­reich mit­hilfe von Crowd­funding schließen, eine bisher sehr unge­wöhn­liche Finan­zie­rungs­me­thode für ein Medi­zin­produkt. Über die Plattform Seed­match gelang es onc­gnostics gleich zweimal, umfang­reiche finan­zielle Mittel ein­zu­sammeln. Mit der zweiten Finan­zie­rungs­runde Ende 2017 stellte onc­gnostics dabei sogar neue Rekorde auf: Innerhalb von nur 2,5 Stunden wurden die ersten 200.000 Euro ein­ge­sammelt und bereits nach 21 Tagen wurde das Finan­zie­rungsziel von 750.000 Euro erreicht. Damit gelang onc­gnostics die schnellste Crowd­funding-Kam­pagne, die jemals in Deutschland im Life-Science-Bereich durch­ge­führt wurde. Die Kam­pagnen lohnten sich außerdem doppelt, da die betei­li­gungs­ma­nagement thü­ringen GmbH ihre Finan­zie­rungs­summe an onc­gnostics zusätzlich bei beiden Kam­pagnen mit aufstockte.

Erfolgs­fak­toren: Fle­xi­bi­lität, Passion, seine Stärken kennen …und der Anzug!

Martina Schmitz hat seit der Gründung einiges gelernt. Auf ihrer per­sön­lichen Check­liste für erfolg­reiche Grün­dungen befinden sich nun die fol­genden Posi­tionen: Geschäftsplan umsetzen (✔), Business-Management-Crashkurs absol­vieren (✔) und Anzug kaufen (✔), um sich in eine Geschäftsfrau zu ver­wandeln. Gerade mit dem Thema Dress-Code traf sie einen Punkt, den viele Wis­sen­schaft­le­rinnen und Wis­sen­schaftler für neben­sächlich halten, Schmitz gesteht ihm aber eine gewisse Bedeutung zu. So musste sie selbst erfahren, dass es nicht nur darauf ankommt, was man sagt, sondern tat­sächlich auch auf das Outfit.

Was die Grün­derin den Zuhö­re­rinnen und Zuhörern des Abends aber vor allem mit­geben konnte, war die Bot­schaft, dass es sich lohnt, hart­näckig für sein Produkt ein­zu­stehen und zu kämpfen. Die wich­tigsten Eigen­schaften dabei:

  • Erstens Fle­xi­bi­lität, denn der Busi­nessplan ver­ändert sich fast alle drei Monate komplett.
  • Zweitens Passion für das, was man tut und die Fähigkeit, diese Lei­den­schaft für die eigene Geschäftsidee auszustrahlen.
  • Und drittens, muss man die eigenen Stärken kennen und nach außen ver­deut­lichen können.

Die letzten zwei Punkte sind für Wis­sen­schaft­le­rinnen und Wis­sen­schaftler nicht unbe­dingt leicht, denn genau das Gegenteil wird von ihnen sonst erwartet, nämlich Ergeb­nisse sachlich und nüchtern zu erzählen und stets anzuzweifeln.

Dank der inspi­rie­renden Per­sön­lichkeit von Martina Schmitz und ihrer Bereit­schaft, ins­be­sondere per­sön­liche Erfah­rungen zu teilen, war der Founders’ Corner ein sehr span­nender und anre­gender Abend und eine Ermu­tigung für alle, die sich aus der Wis­sen­schaft aus­gründen wollen.

 

Ihr wollt auch eine Idee aus den Lebens­wis­sen­schaften oder der Medizin umsetzen? Das 12-wöchige Trainings­programm LifeTechLab zeigt For­schenden, wie sie ihre Idee für ein Produkt oder einen Service auf den Markt bringen können. Die nächste Runde des LifeTechLab startet am 9. April 2019. Die Bewerbung ist noch bis zum 15. März 2019 möglich. Mehr Infor­ma­tionen findet ihr auf unserer Website. Ihr habt Fragen zum Ablauf oder zur Bewerbung? Wendet euch gern uns.

 

Der Beitrag ent­stand mit Unter­stützung von Hanna Schiffer.

 

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