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Grün­der­por­trait #65: Cyface – mit dem Fahrrad zu bes­seren Straßen!

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Mit dem Fahrrad endlich ent­spannt durch den Stra­ßen­verkehr oder das eigene Auto schonen und kaputte Straßen meiden? Die Gründer von Cyface haben eine Lösung ent­wi­ckelt, die den Zustand von Straßen einfach erfasst und diese Daten für Pla­nungs­büros oder Navi­ga­ti­ons­an­wen­dungen ver­fügbar machen.

Die Infor­ma­tiker Dr. Klemens Muthmann und Armin Schnabel, sowie der Volkswirt Dirk Ackner haben im Mai 2017 ihr Unter­nehmen gegründet. Im Interview berichten sie über die Gründung und ihre Erfah­rungen im Acce­le­rator-Pro­gramm Del­taHochDrei von dresden|exists.

 

Worum geht es bei eurer Geschäftsidee?
Mit der Software von Cyface erfassen Inge­nieur­büros den Stra­ßen­zu­stand kin­der­leicht mit dem Smart­phone. Während der Fahrt, mit dem Fahrrad oder Auto, werden Erschüt­te­rungs- und Bild­daten auf­ge­zeichnet und auto­ma­tisch von Cyface aus­ge­wertet, wodurch ein aktu­elles Abbild der Fahrbahn ent­steht. Basis des Mess­systems sind her­kömm­liche Smart­phones oder eigens ent­wi­ckelte Mess­boxen, die am Fahrzeug befestigt werden. Inno­vative maschi­nelle Lern­ver­fahren und sta­tis­tische Methoden bewerten die ein­zelnen Stre­cken­ab­schnitte auto­ma­tisch und sind daher die wich­tigsten Bestand­teile von Cyface.
Die fokus­sierte Ziel­gruppe sind Inge­nieur- und Pla­nungs­büros, die im Auftrag von öffent­lichen Insti­tu­tionen, die Qua­lität von Straßen und Wegen begut­achten. Wir stellen dazu ein Werkzeug bereit, welches erheblich kos­ten­güns­tiger und fle­xibler ein­setzbar ist, als die bisher ver­wen­deten Laser­mess­ver­fahren und zudem Objek­ti­vität garan­tiert. Im Gegenteil dazu werden vie­lerorts teure Sicht­fahrten durch­ge­führt. Auch für bestehende Navi­ga­ti­ons­an­wen­dungen sind die erstellten Ober­flä­chen­profile von Interesse, da dadurch die Rou­ten­planung erweitert werden kann.

Wie ent­stand die Idee und wann habt ihr ent­schieden, sie auch umzu­setzen? Stand es für euch von Anfang an fest, darauf auf­bauend ein eigenes Unter­nehmen zu gründen?
Aus­gangs­punkt und Moti­vation für das Projekt war der Ärger über die schad­haften Straßen und Fahr­radwege. Klemens ist pas­sio­nierter Fahr­rad­fahrer und täglich mit seinem Drahtesel auf Dresdens Straßen unterwegs. Nach einer holp­rigen Fahrt durch das hiesige Stadt­zentrum hat er sich gefragt, ob es (online) eine Karte gibt, welche die Fahr­bahn­be­schaf­fenheit ver­an­schau­licht und er sich somit schon im Vorfeld ein Bild über die geplante Strecke machen kann. Er konnte keine geeignete Karte finden und dis­ku­tierte im Rahmen einer Kon­ferenz die Mög­lichkeit einen Mess­wagen zu kon­stru­ierten, der Fahrbahn mit Beschleu­ni­gungs­sen­soren und/oder Kamera die Fahr­bahn­qua­lität auf­zeichnet. Die Idee für Cyface wurde dadurch geboren, da so ein auf­wän­diger und teurer Mess­wagen nicht benötigt wird, sondern auch her­kömm­liche Smart­phones aus­reichen. Zudem war eine soft­ware­ba­sierte Lösung hier­zu­lande nicht vorhanden.
Nach drei­jäh­riger For­schungs­arbeit am Lehr­stuhl für Rech­ner­netze der TU Dresden trafen wir die Ent­scheidung, diese Idee kom­mer­ziell umzu­setzen und ein eigenes Unter­nehmen zu gründen. Ziel war die Ent­wicklung einer Software zur ein­fachen Auf­zeichnung und Dar­stellung der Straßenqualität.

Das Cyface-Team: Dr. Klemens Muthmann, Armin Schnabel, Dirk Ackner (v.l.n.r.)
Das Cyface-Team: Dr. Klemens Muthmann, Armin Schnabel, Dirk Ackner (v.l.n.r.)

Was waren die drei größten Her­aus­for­de­rungen auf dem Weg in die Selbst­stän­digkeit und wie habt ihr sie bewältigt?
Die wohl größte Her­aus­for­derung für uns war und ist die Ent­wicklung eines trag­fä­higen Geschäfts­mo­dells. Uns war von Beginn an klar, dass die tech­nische Rea­li­sierung möglich ist, nur nicht wie man damit Geld ver­dienen kann. Wir haben viele poten­tielle Kunden ange­sprochen und konnten somit her­aus­finden, welche Ziel­gruppen tat­sächlich zah­lungs­bereit sind.
Eine weitere Schwie­rigkeit für uns war die schnelle Ent­wicklung eines funk­ti­ons­fä­higen Pro­totyps. Dazu zählten die zugrun­de­lie­genden Algo­rithmen sowie eine ein­satz­fähige Messbox. Die Ergeb­nisse haben wir in Zusam­men­arbeit mit einem Koope­ra­ti­ons­partner evaluiert.
Wie bei wahr­scheinlich jedem anderen Startup spielte die Finan­zierung auch bei uns eine nicht uner­heb­liche Rolle. Durch zwei Grün­dersti­pendien konnten wir unseren Lebens­un­terhalt sichern und uns den wich­tigen Ent­wick­lungs­ar­beiten widmen.

Aus welchem Fehler habt ihr am meisten gelernt? Gibt es Dinge, die ihr heute anders machen würdet?
Wir haben anfangs zu viel Zeit in die reine Ent­wicklung eines Pro­totyps gesteckt, ohne jedoch markt­re­le­vante Anfor­de­rungen direkt ein­fließen zu lassen. Wenn wir die Uhr zurück­drehen könnten, würden wir noch früher damit beginnen, poten­tielle Kunden anzu­sprechen. Darüber hinaus haben wir den Fehler gemacht, Kon­kur­renten auf Abstand zu halten. Jetzt hat sich her­aus­ge­stellt, dass einer dieser Kon­kur­renten ein poten­ti­eller Kunde ist. Daher ist auch die Ansprache aus­ge­wählter Kon­kur­renten nicht immer von Nachteil.
Zu guter Letzt haben wir uns vor allem auch zu Beginn ver­stärkt auf eine Ziel­gruppe kon­zen­triert, die bedau­er­li­cher­weise keine ent­spre­chende Zah­lungs­be­reit­schaft hatte. Dadurch haben wir wichtige Zeit, Energie und Nerven verloren.

Cyface-App in Halterung am Fahrrad
Cyface-App in Hal­terung am Fahrrad

Was macht euch besonders stolz bzw. was waren bisher eure größten Erfolge?
Die Tat­sache, dass wir aus einem stu­den­ti­schen For­schungs­projekt eine GmbH gegründet haben, macht uns besonders stolz. Wichtige Mei­len­steine dabei waren natürlich das EXIST-Grün­dersti­pendium, das SAB Tech­no­lo­gie­grün­dersti­pendium und die bis­he­rigen Akqui­se­tä­tig­keiten. Abge­sehen davon freut uns die Aus­zeichnung mit dem Deut­schen Mobi­li­täts­preis 2016, der uns vom Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­terium in Berlin ver­liehen wurde, und dem Inno­va­ti­ons­preis Mobi­li­täts­wirt­schaft (ver­liehen von Pro­motion Nord­hessen). Stolz sind wir auch darauf, dass eine unserer Mess­boxen in einer New Yorker U‑Bahn mit dem Ziel getestet wurde, mit Hilfe des Erschüt­te­rungs­profils die Schie­nen­be­schaf­fenheit zu beurteilen.

Welche Unter­stützung hat euch in der Grün­dungs­phase besonders geholfen?
Wir hatten die Mög­lichkeit an der Acce­le­ration-Phase des Pro­gramms Del­taHochDrei teil­zu­nehmen, welches u.a. ein viel­sei­tiges Coa­ching­pro­gramm mit aus­ge­wählten und gut geschulten Coaches beinhaltet. Die The­men­in­halte waren gut abge­stimmt auf aktuelle Her­aus­for­de­rungen des Startup-Alltags. Was uns besonders gut gefallen hat ist die Tat­sache, dass das gesamte Pro­gramm mit wei­teren Startups durch­laufen wurde. Dadurch konnten wir uns gegen­seitig unter­stützen, Hin­weise geben und über Ent­wick­lungen und Pro­bleme austauschen.

Da wir als Teil­nehmer stets aktiv in die Work­shops ein­ge­bunden waren, konnten wir unsere eigenen Geschäfts­ideen ein­bringen. Auf diese Weise erhielten wir Erkennt­nisse und Hin­weise spe­ziell für unseren Anwen­dungsfall. Was uns vor allem wei­ter­ge­holfen hat waren die Themen:

  • Workshop Tools zur kun­den­ori­en­tierten Produkt- und Geschäftsentwicklung
  • Kom­mu­ni­kation mit Kunden
  • Kom­mu­ni­kation & Pitch-Training

Durch die ständige Betreuung von dresden|exists hatten wir mit Katja Ziesche stets einen Ansprech­partner zur Seite der uns tat­kräftig unter­stützt hat. Regel­mäßige Treffen führten dazu, dass auf­kom­mende Her­aus­for­de­rungen und Pro­bleme gemeinsam früh­zeitig erkannt und Lösungen erar­beitet werden konnten.

Cyface-App in Halterung im Auto
Cyface-App in Hal­terung im Auto

Welche Bedeutung hatte das EXIST-Gründerstipendium?
Als wir beschlossen haben, aus dem For­schungs­projekt ein eigenes Startup zu machen, war uns direkt klar, dass dies nur mit finan­zi­eller Unter­stützung möglich ist. Denn erste Umsätze würden lange auf sich warten lassen, weil die Pro­dukt­ent­wicklung etliche Monate bean­spruchen wird. Daher haben wir das EXIST-Grün­dersti­pendium bean­tragt, um uns in dieser Zeit den Lebens­un­terhalt zu sichern. Das Sti­pendium gab uns dann zusätzlich die Mög­lichkeit ein eigenes kleines Büro an der Uni­ver­sität zu beziehen und aus den zur Ver­fügung gestellten Sach­mitteln alle benö­tigten tech­ni­schen Geräte zu kaufen. Auf diese Weise konnten wir uns anfangs ganz auf die Soft­ware­ent­wicklung und Markt­analyse kon­zen­trieren. Ohne das EXIST-Grün­dersti­pendium hätten wir diesen Weg höchst­wahr­scheinlich nicht eingeschlagen.

Welche Fak­toren sind aus eurer Sicht für den Erfolg einer Exis­tenz­gründung wichtig?
Es ist schwierig, die wich­tigsten Fak­toren zu nennen, die eine erfolg­reiche Exis­tenz­gründung aus­machen. Wirklich vali­dierbare Aus­sagen können erst nach einer gewissen Zeit getroffen werden. Jedoch denken wir, dass auf jeden Fall ein starkes Produkt im Fokus steht, was gemeinsam mit ersten Pilot­kunden ent­wi­ckelt wurde und echte Pro­bleme löst. Daneben ist ein har­mo­ni­sches Team wichtig, was sich gegen­seitig in den Fähig­keiten, Erfah­rungen und Kom­pe­tenzen ergänzt. Zu guter Letzt zeichnen sich erfolg­reiche Grün­dungen oft auch durch eine Portion Glück und ein gewisses Durch­hal­te­ver­mögen aus, was bedeutet, sich nicht bei jedem auf­tre­tenden Problem geschlagen geben.

Welche Erfahrungen/Tipps möchtet ihr anderen Gründern mit auf den Weg geben?
Achtet von Beginn an darauf, dass euer Produkt oder eure Idee gemeinsam mit einem ersten Pilot­kunden ent­wi­ckelt wird. Dadurch erhaltet ihr pra­xisnahe Rück­mel­dungen die dann in die Pro­dukt­ent­wicklung ein­fließen können.
Wählt eure Team­mit­glieder sorg­fältig aus. Teil­weise ver­bringt ihr mit ihnen mehr Zeit als mit euren Partner/-in. Deshalb sollte neben fach­lichen Kennt­nissen auch darauf Wert gelegt werden, dass sich das Team menschlich ver­steht und die Gründer sich gut verstehen.
Wir wussten bereits im Vorfeld, dass es nicht einfach wird, ein funk­ti­ons­fä­higes Produkt und vor allem auch Geschäfts­modell zu ent­wi­ckeln. Daher über­rascht uns die Mühe und der not­wendige Aufwand eher weniger. Dennoch beein­druckt uns die Tat­sache, dass man tag­täglich dazu­lernt und neue kreative Lösungen ent­wi­ckelt, um die auf­kom­menden Auf­gaben zu bewäl­tigen. Wir haben für uns auch die „Salami-Taktik“ ent­deckt. So werden große Auf­ga­ben­blöcke in kleinere Auf­gaben zerlegt und erscheinen weniger bedrohlich. Auf diese Weise hat man deutlich mehr Erfolgs­er­geb­nisse und kann auch kom­plexe Pro­bleme bewältigen.

Wie sieht bei euch im Moment ein üblicher Arbeitstag aus?
Jeder Arbeitstag beginnt bei uns 9 Uhr mit einem mor­gend­lichen „Stand-up meeting“, wobei jeder kurz erklärt was am Vortag pas­sierte, welche Auf­gaben gerade bear­beitet werden und was danach ansteht. Wir ver­suchen dabei den zeit­lichen Rahmen von 5 Minuten nicht zu sprengen. Sollte sich einer im Home­office befinden, wird dieser einfach per Video dazu­ge­schaltet. Tages­ab­hängig wird dann im Büro gear­beitet oder Aus­wärts­termine wahr­ge­nommen. Der Heimweg wird dann indi­vi­duell ab 17 Uhr ange­treten, obwohl das meist nicht bedeutet, dass der Arbeitstag damit beendet ist. Oftmals werden auch dann noch von zu Hause aus kleinere Pro­gram­mier­auf­gaben erledigt oder Mails beant­wortet. Für uns war es von Beginn an wichtig, eine gewisse Sys­te­matik an den Tages­ablauf und Büro­alltag zu bekommen.

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Wo seht Ihr euer Unter­nehmen in 5 Jahren?
Wir streben an, dass unsere Software das meist­ge­nutzte Werkzeug zur Erfassung des Zustands von Fahr­rad­wegen und Neben­straßen ist. Dies ist jedoch nur durch weitere aus­sa­ge­kräftige Refe­renz­pro­jekte möglich, da sich besonders im öffent­lichen Bereich inno­vative Tech­no­logien nicht so einfach eta­blieren. Die der­zei­tigen Ent­wick­lungen lassen aber erkennen, dass wir auf einem guten Weg sind.
Abge­sehen von der reinen Stra­ßen­zu­stands­er­fassung kann unsere Software auch dazu ver­wendet werden, bestehende Navi­ga­ti­ons­pro­zesse zu ver­bessern. Wir würden uns daher wün­schen, dass unsere Tech­no­logie in populäre Navi­ga­ti­onsapps im Fahr­rad­be­reich inte­griert wurde.

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