Gründerportrait #61 : Zellmechanik Dresden GmbH bestimmt den mechanischen Fingerabdruck von Zellen

AcCellerator Zellmechanik Dresden

Mit Hilfe des AcCellerators kann ein handelsübliches Mikroskop die mechanischen Eigenschaften von Zellen messen. (Foto: Sylvi Graupner)

In der Gemüseabteilung findet man über die Festigkeit heraus, ob beispielsweise eine Avocado reif ist. Ähnlich ist es mit biologischen Zellen. Anhand ihrer mechanischen Eigenschaften kann man Rückschlüsse auf ihre Funktionalität treffen. Damit diese Methode künftig auch bei der Diagnose von Krankheiten zum Einsatz kommen kann, hat das Team von Zellmechanik Dresden ein neuartiges Messgerät für die Forschung entwickelt. Im Juli 2015 hat das fünfköpfige Team das Unternehmen zunächst im Nebenerwerb gegründet. Inzwischen widmen sich bereits zwei von ihnen mit Hilfe eines Technologiegründerstipendiums komplett dem Unternehmen. Über ihre Geschäftsidee, Herausforderungen und wo es hingehen soll, haben wir mit den beiden Biophysikern und Geschäftsführern Dr. Oliver Otto und Dr. Daniel Klaue gesprochen.

 

Worum geht es bei eurer Geschäftsidee?

Daniel: Zellen haben mechanische Eigenschaften, anhand derer sie unterschieden werden können. Bestimmte Krebszellen sind z.B. leichter verformbar als gesunde Zellen. Mit unserem Gerät können wir die mechanischen Eigenschaften von Zellen schneller messen, als die bisherigen Verfahren. Mit Hilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera, können wir Veränderungen mit hohem Durchsatz erfassen und in Echtzeit auswerten. Innerhalb einer Minute können so Analysen durchgeführt werden, für die vergleichbare Technologien eine Woche benötigen. Wir bieten mit unserem Gerät Biologen und Medizinern nun die Möglichkeit, konkrete Anwendungen für die Diagnostik zu erforschen.

 

Wie entstand die Idee und wann habt ihr entschieden sie auch umzusetzen?

Oliver: Die Idee stammt ursprünglich aus Forschungen von Professor Jochen Guck am Biotechnologischen Zentrum der TU Dresden (BIOTEC). Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Zellmechanik. Doch die Messverfahren waren bisher viel zu kompliziert und zu langsam, um in Richtung klinische Anwendung zu forschen. Professor Guck ist dann an mich herangetreten und gemeinsam entstand dann die Idee. Zwei Jahre haben wir entwickelt bis ein Prototyp stand. Inzwischen haben wir etwa 50 Kooperationen, bei denen Wissenschaftler unsere Methode anwenden. Da das Projekt von Anfang an translational angelegt war, lag der Gedanke nahe das Ganze zu kommerzialisieren. Und hier kam Daniel ins Spiel.

Daniel: Ich war zu diesem Zeitpunkt fertig mit dem Forschen und wollte gern ein eigenes Unternehmen gründen. Da war es naheliegend sich einmal in dem Feld umzuschauen, indem ich mich 10 Jahre aufgehalten habe. Als ich Professor Guck ansprach, sagte er „Ich hätte da was“ und so wurde der Topf zusammengewürfelt.

 

Was waren die größten Herausforderungen auf dem Weg in die Selbstständigkeit und wie habt ihr sie bewältigt?

Daniel: Eine Hürde war sicher die CE Kennzeichnung, die man in Europa benötigt. Für medizinische Produkte, gelten hier besondere Regelungen. Den Aufkleber auf ein Gerät zu kleben ist leicht, denn nur wenige Sachen müssen abgenommen werden. Allerdings sind die Regelungen nicht gut dokumentiert und man muss im Zweifel hunderte Seiten lesen, ehe man weiß, was richtig ist. Da man persönlich haftet, fühlt man sich schon unsicher. Auch bei Versicherungsfragen haben uns ganz schön die Köpfe geraucht. Viele Leute haben uns dabei geholfen, auch von dresden|exists. Aber die unterschiedlichen Informationen, die die man braucht, bekommt man halt nicht an einer Stelle.

Oliver: Mit jedem weiteren verkauften Gerät wächst natürlich auch die Verantwortung gegenüber dem Kunden. Da die Anwendungssituationen immer neue sind, müssen auch wir uns immer wieder auf neue Projekte einstellen und unsere Expertise beweisen.

 

Aus welchem Fehler habt ihr am meisten gelernt? Gibt es Dinge, die ihr heute anders machen würdet?

Daniel: Learn to fail fast. Fehler sind normal, aber du darfst den Kopf nicht in den Sand stecken. Du musst dich schnell aufraffen und einfach weitermachen. Sicher haben wir auch Fehler gemacht und die Lernprozesse waren sehr wichtig und aufschlussreich für uns. Aber den einen Fehler, ohne den alles hätte anders werden können, gibt es nicht.

 

Mikrofluid. Chip Zellmechanik Dresden

Eines der wichtigsten Komponenten des Messgeräts: der mikrofluidische Chip. In einem 10-40 Mikrometer breiten Kanal werden die Zellen verformt und gemessen. (Foto: Sylvi Graupner)

Was macht euch besonders stolz bzw. was waren bisher eure größten Erfolge?

Daniel: Vor einem Jahr hätten wir uns nicht träumen lassen, dass wir heute wirklich Kunden haben. Wir haben auch bei mehreren Wettbewerben mit gemacht und haben super Feedback bekommen. Bei „Emerging Industries“ von futureSAX haben wir sogar den zweiten Preis gewonnen. Das hat uns extrem stolz gemacht.

Oliver: Wir werden wahrgenommen. Wir sind inzwischen nicht nur im Dresdner Kreis bekannt, sondern auch in Deutschland, Europa und auch in den USA sind sie schon auf uns aufmerksam geworden. Das macht einfach Spaß und man kommt jeden Tag gern auf Arbeit.

 

Welche Unterstützung hat euch in der Gründungsphase besonders geholfen?

Oliver: Professor Guck ist für uns ein starker Rückhalt und Partner. Seine Aussagen haben uns viele Türen geöffnet und ohne ihn würde es Zellmechanik Dresden nicht geben. Dresden hat außerdem einen großartigen Life Science Campus. Die Menschen hier sind extrem offen für neue Ideen. Das war für uns das beste Umfeld zum gründen.

Daniel: Wir waren auch bei vielen Veranstaltungen von dresden|exists und futureSAX, wir haben uns mit Profis und Leuten ausgetauscht, die selbst schon Firmen gegründet haben. Überall lernt man Dinge, die für den Weg wichtig sind. Was essentiell war kann ich nicht sagen, es war sicher das Gesamtpaket.

 

Welche Faktoren sind aus eurer Sicht für den Erfolg einer Existenzgründung wichtig?

Daniel: Ein gutes Team ist Nummer Eins. Wir sind in den letzten Monaten alle super zusammengewachsen, haben eine gute Vertrauensbasis aufgebaut und können uns immer aufeinander verlassen. Einer alleine kann sicher auch gut gründen, aber für uns ist das Team unerlässlich.

Oliver: Die Idee ist auch wichtig. Du musst wissen, was du willst und damit zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

 

RT-DC Nachfärbung - Mikroskopfoto

Zur Bestimmung des mechanischen Fingerabdrucks von Blut fließen Zellen durch eine Kanalstruktur. Eine Software wertet die Verformung der einzelnen Zellen aus. (Mikroskopfoto: Zellmechanik Dresden GmbH)

Welche Tipps möchtet ihr Wissenschaftlern mit auf den Weg geben, die eine Unternehmensgründung planen?

Daniel: Ich würde jedem raten, dass er es auf jeden Fall probieren soll. So riskant ist es am Anfang gar nicht. Du musst vielleicht etwas Geld in die Hand nehmen und du brauchst Zeit. Aber wenn das alles gegen den Baum fährt, wirst du als Wissenschaftler nie auf der Straße sitzen. Deshalb: Wenn du Lust hast, dann wage es einfach!

Sprich mit Menschen! Tausche dich mit anderen aus, die die so etwas schon gemacht haben. Ich habe am Anfang viel gelesen und es war dann letztlich viel hilfreicher, wenn ich mit jemandem Erfahrenes gesprochen habe.

Mach vor allem das, was du am besten kannst. Man muss sich immer ein Stück weit selbst auskennen, aber am Ende sollte man sich eingestehen, dass man nicht alles alleine machen kann.

 

Wie sieht bei euch ein üblicher Arbeitstag aus?

Oliver: Einen festen Alltag können wir gar nicht definieren. Bei mir liegt im Moment aber vor allem der wissenschaftliche Support. Das heißt forschen und publizieren, denn damit machen wir für die Methode und unser Produkt Werbung. Ich bin viel unterwegs, halte Vorträge und knüpfe Kontakte.

Daniel: Außer der Tasse Kaffee am Morgen ist bei mir jeder Tag anders. Da sind Kundenanfragen zu bearbeiten und das Produkt weiterzuentwickeln, operative Aufgaben wie Angebote erstellen und die Buchhaltung, aber auch Änderungen an Website oder ein Flyer zu erstellen. Und manchmal schafft man den ganzen Tags nichts davon, weil spontan so viel Anderes angefallen ist.

 

Wo seht Ihr euer Unternehmen in fünf Jahren?

Oliver: Wir möchten führender Technologieanbieter für die Zellmechanik sein und die Methode soll eine Standardanwendung sein, die jeder Wissenschaftler im Blick hat. Von dort aus wollen wir auf den klinischen Markt gehen und in zehn Jahren soll in jeder Klinik ein Gerät von uns stehen. Es soll völlig normal sein zu sagen, dass ein mechanisches Blutbild gemacht wird.

Daniel: Vom Unternehmen selbst, wird sich in fünf Jahren wahrscheinlich noch nicht so viel geändert haben. Aber ein größeres Büro und eine Kaffeemaschine sollte es geben. Wir als Gründerteam werden alle Vollzeit dabei sein und mit unseren Kunden ordentlich zu tun haben. Wir werden sicher auch einen Investor dabei haben, denn spätestens eine klinischen Studie werden wir nicht allein stemmen können.

 

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