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Vom For­scher zum Unter­nehmer – Grün­dungs­er­fah­rungen von Complex Fibre Structures

Axel Spickenheuer (li.) und Lars Bittrich (re.) berichten über ihre Gründungserfahrungen.
Axel Spi­cken­heuer (li.) und Dr. Lars Bittrich (re.) im Labor. *

Als Axel Spi­cken­heuer und Dr. Lars Bittrich ver­suchten, ihre For­schungs­er­geb­nisse zur Her­stellung neuer Leichtbau-Ver­bund­werk­stoffe mit einem Stick­ver­fahren in die Praxis umzu­setzen, drohte das Vor­haben an der vor­ge­ge­benen Software zu scheitern. Zu kom­pli­ziert, zu träge, zu unfle­xibel … Doch davon ließen sich die zwei Wis­sen­schaftler nicht ent­mu­tigen. Denn was lag näher, als nach den eigenen Vor­stel­lungen und Zielen eine eigene Software zu ent­wi­ckeln, die dann 100%ig auf ihr Vor­haben passt? Gesagt, getan. Bald zeigte sich, dass auch Kol­legen und andere Institute an der Software inter­es­siert waren. Als Spin-off des Leibniz-Instituts für Poly­mer­for­schung Dresden (IPF), wagten sie die Aus­gründung Complex Fibre Struc­tures (CFS).

Zum letzten Grün­der­treff luden uns die beiden Geschäfts­führer in ihr Labor ein und berich­teten anschaulich über ihre For­schungs­ar­beiten, vom Unter­schied von Theorie und Praxis sowie ihren Gründungserfahrungen…

Wie aus Forschern …

Axel Spi­cken­heuer, der auf Luft und Raum­fahrt­technik spe­zia­li­sierte Maschi­nen­bauer arbeitet seit 2005 als Mit­ar­beiter am IPF. Hier leitet er ein For­schungs­projekt, bei dem ein Ver­fahren im Vor­der­grund steht, das auch Nicht-For­schern bekannt sein dürfte: das Sticken. Alt­mo­di­sches Sticken als inno­vative Geschäftsidee? – Nicht ganz. Das Sticken ist in diesem Fall eher Mittel zum Zweck. Durch ein spe­zi­elles Stick­ver­fahren werden Car­bon­fasern auf einem Grund­ma­terial fixiert und anschließend mit  Kunstharz getränkt. So können die For­scher Ver­bund­stücke her­stellen, die steifer und um ein Viel­faches leichter sind als andere Mate­rialien, die derzeit bei­spiels­weise im Auto­mo­bilbau oder in der Luft­fahrt genutzt werden. In der Fach­sprache nennt sich das dann „Preform-Her­stellung mittels Tailored Fiber Placement-Technologie“.

Aus einem völlig anderen Bereich kommt Dr. Lars Bittrich. Er hat im Fach „Theo­re­tische Physik“ pro­mo­viert und sich auf Industrie- und Soft­ware­ent­wicklung spe­zia­li­siert. Damit war das Grün­derteam kom­plett und trotz oder sogar wegen der unter­schied­lichen Fach­rich­tungen ergänzen sie sich gegen­seitig sehr gut. Axel Spi­cken­heuer wollte die Theorie aus der For­schung endlich in die Praxis umzu­setzen. Dafür fehlte ihm jedoch das nötige Know-How im Bereich der Industrie- und Soft­ware­ent­wicklung. Lars Bittrich suchte eine Mög­lichkeit, die theo­re­ti­schen Kon­zepte aus seinem Studium in die Praxis zu über­führen. Wichtig war ihm, dass er am Ende der Pro­duktion “etwas zum Anfassen“ haben kann, „…denn das hatte ich vorher noch nie“, schmun­zelte er.

 

Dr. Lars Bittrich erklärt zum Gründertreff dasHerstellungsverfahren für das ihre Software die Basis bildet.
Dr. Lars Bittrich (2.v.li.) erklärt das Her­stel­lungs­ver­fahren für das ihre Software die Basis bildet. *

… Unter­nehmer werden

Das Grün­derteam hatte sich also gefunden und gründete im Juli 2013 im Neben­erwerb die „Complex Fibre Struc­tures GmbH“. Obwohl jeder einen fest zuge­teilten Auf­ga­ben­be­reich hat, legten sie von Anfang an sehr viel Wert auf Teamwork. Axel Spi­cken­heuer meinte: „Es ist gut, dass Lars die Pro­gram­mierung für die Software über­nimmt. Sonst würden wir da wahr­scheinlich gar nicht vor­an­kommen.“ Lars Bittrich wie­derum schätzt seinen Kol­legen als Netz­werker und erzählte: „Wie oft ich in der Zeit schon von Axel den Satz ‚Ich kenn’ da jemanden, der…‘ gehört habe, weiß ich nicht mehr.“ Lars Bittrich bringt es auf den Punkt, warum die Kon­stel­lation aus Physik und Maschi­nenbau so gut funk­tio­niert: Axel Spi­cken­heuer ver­steht, was das Problem ist und was geändert werden muss und er selbst findet meistens die richtige Lösung dafür.

Vor allem in den Bereichen Recht, Steuern oder Über­setzung geben die Gründer den Tipp, sich pro­fes­sio­nelle Unter­stützung zu suchen, um die orga­ni­sa­to­ri­schen, ver­trag­lichen und behörd­lichen Auf­gaben zu meistern. Welche Ver­si­che­rungen benö­tigen wir wirklich? Wie muss ein Business-Plan aus­sehen? – Über all diese Fragen hatten sie sich zu Beginn wenig Gedanken gemacht.

Bereits in der Ent­wick­lungs­phase stellten sie ihre neue, ein­fa­chere Software auf Tagungen vor, über die der Stick­ma­schinen-Her­steller „Tajima“ auf CFS auf­merksam wurde. Der Konzern möchte die Software in Zukunft weltweit ver­treiben, um so auch neue Kunden für seine eigenen Stick­ma­schinen zu gewinnen. Damit kam „dann einfach alles zum Laufen.“ Dieser Satz aus Lars’ Bittrichs Mund klang fast ein wenig so, als ob er es selbst noch nicht glauben kann, dass am Ende alles so schnell und einfach lief.

Die Aus­gründung gelang aller­dings nur durch die aktive Unter­stützung des IPF. In bei­der­sei­tigem Ein­ver­nehmen ent­schieden sich die Gründer, die Software nicht schützen zu lassen, da die Offen­legung des Quell­codes immer ein Risiko mit sich bringt. Die Rechte an der Software liegen beim Leibniz Institut, da die beiden Gründer sie ursprünglich im Rahmen ihrer Tätigkeit am Institut ent­wi­ckelt haben. Damit die beiden die Software dennoch ver­treiben können, schlossen sie mit dem Institut einen Lizenz­vertrag, der ihnen das alleinige kom­mer­zielle Ver­wer­tungs­recht einräumt.

 

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Fas­zi­niert begut­achten die Grün­der­treff­be­sucher die Car­bon­fasern, aus denen mit Hilfe des Stick­ver­fahrens leichte Ver­bund­werk­stoffe entstehen. *

Der Spagat zwi­schen Teil­zeit­aus­gründung und Forschung

Trotz der Unter­neh­mens­gründung arbeiten Lars Bittrich und Axel Spi­cken­heuer nur 10 Stunden pro Woche für CFS. Die rest­liche Arbeitszeit ihrer 40-Stunden-Woche ver­bringen sie wei­terhin mit der For­schung für das IPF. Mitt­ler­weile kommen sie mit dieser Zeit­ein­teilung sehr gut klar. Beide sind glei­cher­maßen aus­ge­lastet und der Anfangs­stress mit Über­stunden hat sich nor­ma­li­siert. Gerade die Kom­ple­xität aus For­schungs­projekt und Firma ist jedoch viel­leicht das, was die Aus­gründung so erfolg­reich macht. Auch wenn die Gründer ver­suchen, diese beiden Bereiche mög­lichst gut zu trennen, werden sie doch immer mit neuen Ideen, Vor­schlägen und Anre­gungen kon­fron­tiert, die sie in ihre Gründung ein­be­ziehen können.

Die Aus­gründung sehen die beiden Wis­sen­schaftler als Backup an. Als mitt­ler­weile eta­bliertes Unter­nehmen wollen sie sich eher wei­ter­ent­wi­ckeln, anstatt zu expan­dieren. Sie möchten ihre For­schung und die Funk­tionen der Software weiter ausbauen.

Zum Abschluss des Grün­der­treffs zeigte Lars Bittrich noch einen Bumerang, der für die „Lange Nacht der Wis­sen­schaften“ mit­hilfe des Stick­ver­fahrens pro­du­ziert wurde. Seine abschlie­ßenden Worte zeigen, wie groß der Unter­schied zwi­schen Theorie und Praxis sein kann: „Theo­re­tisch kann ich erklären, warum ein Bumerang immer wieder zurück­kommt, in der Praxis jedoch klappt es viel­leicht einmal von zehn Mal.“

 * Fotos: dresden|exists, Kathrin Tittel

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