Gründerportrait #79: denovoMATRIX – „Gründen ist ein permanenter Lernprozess.“

Wisst Ihr eigentlich, dass Zellen eine „Wohlfühlzone“ haben? Und, dass diese Wohlfühlzone entscheidend ist für die Forschung an und mit Zellen? Für die biologische Forschung werden Zellen genutzt, die aus ihrer natürlichen Umgebung entnommen und dann in Experimenten oder Therapien eingesetzt werden. Je näher die Umgebung der Zellen den natürlichen Umgebungen ähnelt, desto besser. Klingt logisch, ist aber in der Praxis nicht einfach umzusetzen. Und hier kommt denovoMATRIX ins Spiel. denovoMATRIX entwickelt und produziert biomimetische Beschichtungen für die Kultivierung menschlicher Zellen – d.h. Beschichtungen deren Eigenschaften den natürlichen Bedingungen ähnlicher sind als der Stand der Technik. Das Unternehmen wurde 2018 als Spin-off des B Cube der TU Dresden gegründet.

Dejan Husman, CEO des jungen Unternehmens, hat sich Zeit genommen, um mit uns in der inspirierenden Atmosphäre des InCUBEators am BCube über seine bisherige Reise als Gründer zu sprechen.

 

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Das Team von denovoMATRIX (v.li): Dejan Husman, Dr. Steffen Lück, Dr. Kristina Thamm, Stefanie Hamann, Christian Woiwod, Dr. Richard Wetzel denovoMATRIX Team (v.li): Dejan Husman, Dr. Steffen Lück, Dr. Kristina Thamm, Stefanie Hamann, Christian Woiwod, Dr. Richard Wetzel (Foto: Alex Hanicke)

Kannst du kurz euer Team vorstellen?

Richard Wetzel – unser COO/CSO – ist Bioverfahrenstechniker und hat im Bereich der regenerativen Therapien promoviert – mit einer Spezialisierung in Stammzellbiologie. Christian Woiwod – unser CMO – hat eine Ausbildung als Wirtschaftschemiker und praktische Erfahrungen aus den Bereichen Marketing und Business Intelligence. Ich bin Biochemiker mit einer Spezialisierung auf Biomaterialien und einem zunehmenden Fokus auf Business Development in diesem Bereich. Und zusammen sind wir denovoMATRIX. Mitgründer und Unterstützer sind außerdem Prof. Yixin Zhang sowie der Erfinder der Technologie Dr. Robert Wieduwild.

 

Worum geht es bei eurer Geschäftsidee?

Im Fokus unserer Geschäftsidee stehen die Entwicklung und Herstellung von Beschichtungen für Stammzellen. Stammzellen sind aktuell stark im Fokus der Forschung sowie auch als therapeutisches Heilmittel. Die Herausforderung ist es, die Eigenschaften von Stammzellen auch außerhalb des Körpers zu erhalten und damit ihr Potential für Experimente und Therapien voll auszuschöpfen. Wir ermöglichen mit unserer Technologie, dass die Stammzellen „Stammzellen bleiben“ und auch unter Laborbedingungen ihre wichtigen, natürlichen Eigenschaften nicht verlieren.

Das Besondere dabei ist, dass wir als Umgebung der Zellen synthetische Materialien in standardisierter Qualität nutzen und keine Materialien tierischen Ursprungs verwenden. Letztere wurden in den letzten Jahren durchaus stark diskutiert im Hinblick auf Standardisierung, Knappheit und ethischen Gründen. Weiterhin funktioniert unsere Technologie modular nach Art eines Baukastens und ermöglicht einen individuellen Zuschnitt der Beschichtungen je nach Zelltyp und Anwendungsfall.

 

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Mit der screenMATRIX können Forscher testen, welches Substrat für ihre Zellen am besten geeignet ist. (Foto: denovoMATRIX)

Wie entstand die Idee und wann habt ihr entschieden sie auch umzusetzen?

Die erste Idee – eine biomimetische Umgebung zur Züchtung von Zellen – wurde von Robert Wieduwild und Yixin Zhang entwickelt. Bereits 2012 wurde das erste Patent zur Technologie angemeldet. Im Laufe der weiteren Forschungsarbeiten mit der Technologie wurde das Feedback immer besser und die Vorteile des Materials vermarktbar. Spätestens 2014 war Yixin und Robert klar, dass sie mehr mit der Technologie machen wollen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Masterstudent bei Robert und sofort interessiert an dem Thema Gründung. Für mich selbst war Gründen immer ein großer Wunsch. Meine Eltern haben selbst eine Firma und ich bin da quasi hineingewachsen. Aber erstmal haben wir gemeinschaftlich entschieden, dass ich zuerst meine Doktorarbeit abschließen und wir uns danach voll auf das Thema Gründung fokussieren wollen.

Robert kannte zum damaligen Zeitpunkt bereits Richard, der an der TU Dresden promoviert hat und der sofort auch Interesse signalisiert hat. Im Laufe des Jahres 2015 haben wir dann gemeinsam mit dresden|exists die Gründungsidee entwickelt und uns Anfang 2016 um einen EXIST Forschungstransfer beworben.

 

Welche Bedeutung hatte für euch die Förderung EXIST-Forschungstransfer?

Ganz klar, ohne EXIST-Forschungstransfer hätten wir das so nicht geschafft. Und auch generell – ohne diese Hilfsmittel der Frühphasenfinanzierung ist der Weg insbesondere in den Life Sciences nicht gangbar. Wir wären früh gescheitert! Wir haben diese zwei Jahre nicht nur für die Validierung der Technologie, sondern auch für unsere Selbstentwicklung und die Findung unseres Kernteams benötigt.

 

Welche Unterstützung hat euch in der Gründungsphase besonders geholfen?

Wir hatten unterschiedliche Mentoren in verschiedenen Phasen und für verschiedene Themen. Jede Phase benötigt ihre spezifischen Coaches und Unterstützer.

dresden|exists war einer der ersten Mentoren und für die frühe Phase der wichtigste. Ohne euch hätten wir das Thema nicht so fokussiert angehen können. Auch später, bei der Finalisierung des Businessplans, habt ihr hilfreiches Feedback gegeben.

In einer späteren Phase hatten wir dann im EXIST auch einen industrieerfahrenen Coach, Dragan Grabulowski, der uns weitere wertvolle Hinweise gegeben und uns unterstützt hat.

Aber das letztlich größte Feedback haben wir bekommen, in dem wir heraus gegangen sind und auf Messen und Wettbewerben unsere Produkte vorgestellt haben! Jeden Kommentar im Sinne von „das bringt nichts“, „das reicht nicht“ haben wir kritisch hinterfragt und Rückschlüsse für unsere Entwicklung gezogen.

 

Was macht das Gründen im Vergleich zu einer Anstellung besonders?

Es ist tatsächlich die Motivation, Dinge selbst in die Hand nehmen zu können und selbst entscheiden zu können. Auch unsere Teammitglieder, die früher in klassischen Anstellungen waren, sehen dies als eine Hauptmotivation. Wir sagen gerne „Wir schreiben unsere eigene Musik“.

 

Wie sieht bei euch ein üblicher Arbeitstag aus?

Den typischen Arbeitstag gibt es aufgrund der Vielfalt von Aufgaben nicht. Forscher sind ja auch generell sehr flexibel was Arbeitszeiten betrifft. Wir versuchen aber, als Team einen gemeinsamen Rhythmus zu entwickeln und damit auch Zeit zu finden, Ideen auszutauschen und Projekte voranzutreiben.

 

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denovoMATRIX entwickelt und produziert biomimetischer Beschichtungen für die Kultivierung menschlicher Stammzellen. (Foto: denovoMATRIX)

Was waren die drei größten Herausforderungen auf dem Weg in die Selbstständigkeit und wie habt ihr sie bewältigt?

Bis Mitte der EXIST Förderung war es eine wirkliche Herausforderung, den richtigen Fokus für die konkrete Entwicklungspipeline und die Positionierung unserer Produkte zu finden. Nachdem wir diesen Fokus gefunden hatten, mussten wir in der kurzen Zeitspanne, die uns noch bis zum Ende von EXIST blieb, eine Finanzierung sicherstellen und Investoren finden. Das ist uns glücklicherweise mit dem HTGF und dem TGFS gelungen! Denn ehrlicherweise hatten wir auch keinen Plan B oder C.

Aktuell befinden wir uns in der Phase, in der es gilt, die Pläne auch umzusetzen, d.h. unsere Technologie und Evidenz, die wir haben, in Umsatz zu übersetzen. Jetzt heißt es, Kontakte zu Geschäftspartnern, die wir aufgebaut haben, effizient zu nutzen!

 

Was macht euch besonders stolz bzw. was waren bisher eure größten Erfolge?

Im Sommer 2018 haben wir bei Businessplan Wettbewerben mitgemacht und dabei viel positives Feedback erhalten. Das hat uns darin bestärkt, dass wir etwas Besonderes in der Hand haben und unbedingt weitermachen sollten.  Diese externe Bestätigung von Experten hat uns viel Energie gegeben.

 

Welche Erfahrungen/Tipps möchtet ihr anderen Gründern mit auf den Weg geben?

Es gibt viele Stellschrauben auf dem Weg, aber die drei wichtigsten Lehren für mich sind:

1. Sei offen für negatives Feedback. Hört darauf und versucht daraus zu lernen. Derartiges Feedback hat uns immer erst recht angespornt und jedes Mal unsere interne Entwicklung gepusht. Eure Technologie und wie ihr sie wahrnehmt ist das eine – die Realität das andere. Auf Englisch sagt man „kill your darlings“ und für uns heißt das, dass man sich zugunsten des Marktes mitunter von liebgewonnenen Ideen verabschieden muss.

2. Schätzt das Feedback eurer Mentoren und Unterstützer. Wenn ich heute manchmal daran denke, was gerade ihr von dresden|exists uns zu Beginn gesagt habt… Wir haben oftmals erst später erkannt, wie gut manche Ratschläge waren. Allerdings haben wir aber genau diesen Lernprozess auch benötigt.

3. Gründen ist ein permanenter Lernprozess. Bleibt nie stehen, sondern seht den Lernprozess als Zyklus, bei dem man immer mal wieder zu den „Basics“ und auch zu bereits „lessons learned“ zurückgehen muss. D.h. Gründen ist keine Checkliste zum Abhaken, sondern jedes Thema sollte regelmäßig reflektiert und hinterfragt werden.

Wir waren bspw. vor kurzem bei einem Workshop zum Thema Vertrieb. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht alles verarbeiten, was dort gesagt wurde, da wir unseren Vertrieb aktuell erst aufbauen. Daher glaube ich, dass es sinnvoll ist, das in einem Jahr nochmals zu machen. So kann man dann für sich selbst zum gleichen Thema nochmals andere Inhalte mitnehmen.

 

Wo seht ihr euer Unternehmen in 5 Jahren?

Wir möchten unsere Vision umsetzen und unser Produkt in therapeutischen Anwendungen einsetzen. Damit würden wir einen echten Impact für die Menschen ­bringen.

 

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